Begegnung mit einem englischen Fooligan

Ich hatte heute Abend mein ganz persönliches WM-Erlebnis. Ich bin gegen 19 Uhr raus. Noch ein bisschen die Sonne genießen, den feiernden Fans zuschauen, wenn sich’s ergibt ein bisschen mitfeiern usw. Da sich nichts ergeben hat, bin ich dann zu ner Kneipe, wo Freunde von mir arbeiten. Hier ne Stunde an der Longdrink-Theke, da ne Stunde beim Türsteher. Überall war im Grunde gute Stimmung und es wurde schön gefeiert. Auch wenn nicht alle so begeistert waren, dass längere Zeit niemand mehr reindurfte, weil’s voll war.
Nachdem ich den Abend über viel gelaufen war und nun viel gestanden habe, hab ich mich am Rande des Spektakels draußen auf nen Stuhl gesetzt und dem fröhlichen Treiben schmunzelnd zugesehen. Es wurden Lieder gesungen, gegrölt und getanzt. Ich hab davon nicht viel verstanden, aber irgendwie war’s witzig anzusehen.

Nach einigen Minuten grölten/sangen sie wieder irgendwas und zeigten plötzlich alle auf mich. Ich verstand dann irgendwie, dass ich aufstehen sollte, um zu zeigen, dass ich für England bin. Da ich aber erstens an dem ganzen Fußballkram nicht interessiert bin und daher für keine Mannschaft bin und mir zweitens auch nicht einfach so sagen lassen möchte, was ich zu tun habe, blieb ich sitzen und hab freundlich gelächelt. Einige kamen her, versuchten mich noch hochzubewegen. Zwar irgendwie aufdringlich, aber nicht aggressiv. Einer allerdings, der vorher schon stundenlang den Party-Anführer gemimt hatte, packte mich hart am Arm und wollte mich hochziehen. Hab ich aber nicht mit mir machen lassen. Er starrte mich dann extrem aggressiv an und signalisierte mir eindeutig, dass er gerne bereit wäre, das auch körperlich auszutragen. Ich ging nicht drauf ein, er spuckte mich an und ging ein paar Schritte weiter.

Ich war ziemlich sauer, war aber definitiv nicht darauf aus, mich da zu schlagen oder sowas. Ich wollte denen eigentlich nur gemütlich beim Feiern zusehen. Viele Engländer und auch mein Kellner-Freund hatten das gesehen und kamen zu mir. Viele Engländer gaben mir die Hand, um sich für ihn zu entschuldigen. Nur einer meinte, ich wäre „crazy“ und ich hätte gefälligst aufstehen sollen, wir seien schließlich in England(?!). Später meinte er, ich hätte den anderen provoziert. Die anderen wollten so eine miese Stimmung nicht und so kamen ganz viele, gaben mir die Hand und sagten „You’re okay“ und sowas. Währenddessen war der Typ mit seinem Hut wieder dabei, die Stimmung anzuheizen und machte nun eine der Kellnerinnen blöd an. Ein Kellner ging dazwischen und da war für mich der Zeitpunkt, wo es mir echt gereicht hat. Bin also 30 m weiter zum nächsten Polizeiauto und hab denen die Lage geschildert. „Wir gucken mal“ meinten die und blieben in ihrem Auto. Ich war schon enttäuscht, denn von ihrem Auto an dem Standort zu gucken bringt ja nun auch nichts. Ich wieder zurück. Ein paar Engländer luden mich zu ihrem Tisch ein und so saß ich da und versuchte mich mit denen zu unterhalten. Hab die meisten leider nur sehr schwer verstanden. Dialekt oder Alkohol oder von beidem etwas.

Kurze Zeit später kamen zwei Mannschaftswägen der Bereitschaftspolizei. Standen gut 10 m entfernt und ca. zehn Leute waren ausgestiegen. Plötzlich war der Party-King ganz ruhig. Allerdings behagte es mir trotzdem nicht, dass ich ihn im Rücken hatte und so hab ich mich immer wieder umgedreht.

Es wurde weiter viel gesungen und gegrölt. Der eine, der vorher mit dem aggressiven Fan mit Hut sympathisiert hatte, forderte mich auf, der Polizei zu sagen, dass alles okay wäre und sie wieder gehen könnten. Die anderen Fans hingegen verteidigten mich und meinten, dass das doch nicht meine Sache wäre. Ich drehte mich also immer wieder um, insbesondere wenn das Gegröle/der Gesang lauter wurde.

Diesmal war allerdings etwas anders. Sie zeigten alle auf den kleinen Typ mit Hut, der mich vorher angespuckt hatte. Einige übergossen ihn mit Bier und dann forderten sie ihn auf zu gehen und sangen/grölten „Cheerio!“ zum Abschied.
Ich muss sagen, das fand ich echt toll! Diese Fans haben sich eindeutig von dem Krawallmacher distanziert und die Aggressionen nicht toleriert. Für ihn muss es echt schlimm gewesen sein von den eigenen Leuten wegen der Aktion weggeschickt zu werden. Ich bin daraufhin zur Polizei und hab die informiert, dass der Typ jetzt weg ist. Bis dahin war mir in ihrer Anwesenheit deutlich wohler als ohne sie. Auf eine Anzeige hab ich auf Nachfrage allerdings verzichtet. Dafür sprach, dass man solchen Leuten gleich von Anfang an ihre Grenzen zeigen sollte. Allerdings hatte ich keinen Bock, nochmal für ne Aussage auf’s Revier zu kommen und so nen Kram. War ja auch nicht wirklich was passiert. Auf dem Weg nach Hause hab ich überlegt, ob das richtig war. Aber dann hab ich mir gedacht, dass es für ihn so vermutlich am schlimmsten ist. Von den eigenen Leuten verstoßen und dann kann er nicht mal über die böse deutsche Polizei schimpfen oder den bösen Deutschen, der ihn wegen sowas gleich angezeigt hat. Fooligan. Total.

Auf dem Nachhauseweg hatte ich dann die ganze Zeit „Ten German Bombers“ im Ohr. Verrückter Abend.

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6 Responses to “Begegnung mit einem englischen Fooligan”

  1. @Uwe
    Geht mir genauso. Wird wirklich Zeit für meinen umfassenden WM-Beitrag. Je länger ich warte, desto länger wird der im Kopf schon. *g*

    @A. (ich weiß wofür der Punkt steht :-))
    Bloggen will ich, bloggen. Nicht prügeln. Aber irgendwie hast du schon recht. Denn durch diese ganze Geschichte, die ja quasi sogar noch ein Happy End hat, hatte ich ja wieder Stoff für den Blog. :-)

  2. Was ich GENAU mit „es“ gemeint hab, werd ich dir heute abend gegenbenenfalls erläutern! :-)

  3. Wow, eine öffentliche Ankündigung von wildem, hemmungslosen Sex. Du Glückspilz, Henning, berichte morgen unbedingt wie es war :-).

  4. Das nächste Mal kannst du mich anrufen, Henning, ich hätte sie wahrscheinlich verstanden, da ich eine Weile in England (teilweise sogar Nordengland) gelebt habe … :-)

    Interessante Erfahrung, muss teilweise unangenehm gewesen sein, gerade diese Phase zwischen Aggression und Schlägerei ist unerquicklich. Nett, dass sie sich alle entschuldigt haben.

    Irgendwo hab ich kürzlich gelesen (FR vom Wochenende, glaub ich), dass die Englandfans in Deutschland so viel Bier trinken, dass sich sogar die hartgesottenen bayrischen Wirte in München wundern. Das ist immer noch die Nachwirkung der englischen Kneipenöffnungszeiten, die ja nun mehr oder minder abgeschafft sind. Sie sind es eben gewöhnt, in kürzester Zeit möglichst viel Flüssigkeit aufzunehmen (denn Bier kann man das meiste Zeug nicht unbedingt nennen). Das gehaltvollere deutsche Bier wird ein übriges tun.

    Ach ja, jetzt fällt mir die Quelle ein (na gut, es war ein fränkischer Wirt): Die FR nannte die Fans nicht ganz unwitzig „The Pint-up Boys„. Es ist ein Klischee, aber es bewahrheitet sich nun mal immer wieder ;-).

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