Die WM und ich

…und was sich da im Laufe der Zeit geändert hat.

Am Anfang habe ich das Schlimmste befürchtet. Man kann der WM nicht entgehen, soviel war klar. Ich hab damit gerechnet, dass mir das alles sehr auf den Keks geht, weil es mich nicht interessiert und alles immer total voll ist.

Ich hab dann die ersten Tage auch die Innenstadt total gemieden. Irgendwann war ich doch mal da und fand es sehr nett, wie so viele Menschen am Feiern sind. Es ist einfach ein Event, das es sich anzugucken lohnt (das Feiern). Außerdem kann man ja auch feiern ohne vorher Fußball zu gucken. Ich bin dann also öfter mal abends nach den Spielen in die Stadt gegangen, um mir das Spektakel anzusehen.

Müll ohne EndeEs war meist sehr zugemüllt, aber friedlich. An die vielen deutschen Flaggen habe ich mich mit der Zeit gewöhnt, aber anfangs fand ich’s schon komisch. Wenn Leute rumlaufen und „Deutschland! Deutschland!“ rufen, hab ich dabei auch kein angenehmes Gefühl.

Mit der Zeit hat sich mein Desinteresse an der WM rumgesprochen, aber oft wird man dann gleich als WM-Hasser bezeichnet. Was die Fifa so alles abzieht, finde ich zum großen Teil Scheiße. Mich kotzt es auch an, dass die Videoüberwachung in Stuttgart seitdem noch weiter zugenommen hat, aber die WM-Spiele selbst, die hasse ich nicht. Ich interessiere mich nur nicht dafür. Verständnis dafür gibt’s selten. Die meisten meinen, man müsse sich dafür interessieren. Es sei doch schließlich WM.

Ich versteh allerdings nicht, wieso Leute, die sich sonst kein Stück für Fußball interessieren, bei EM und WM plötzlich mutieren. Wenn das daran liegt, dass man da sein Land anfeuern kann und das Fußball-Interesse eigentlich eher gering ist, warum nimmt man dann nicht irgendeine andere Sportart? Bei Fußball muss es sein und bei anderen Sportarten interessiert es nicht, aber Fußball interessiert außerhalb der WM auch nicht. Wie soll man das verstehen?

Praktisch fand ich auch die teilweise verlängerten Öffnungszeiten, auch wenn mein Supermarkt um die Ecke da etwas Probleme mit dem Wort „täglich“ hatte. Ich hab mich darüber gefreut, dass die letzte Zeit abends in der Stadt eigentlich immer schön was los war. Teilweise auch die ganze Nacht durch. Es war schon wieder hell und die Party lief noch. Die Reinigungsmaschinen schienen übrigens die ganze Nacht im Dauereinsatz zu sein. So gegen 23 Uhr hab ich mal schon eine gesehen.

Apropos Reinigungsmaschinen. Als die England-Fans hier waren, schienen die es richtig genial zu finden mit 2-EUR-Pfand-Maßbechern auf die Reinigungsmaschinen zu werfen. Ich stand zwischen Maschine und Fans, wurde aber glücklicherweise nicht getroffen und hab ein kleines Video aufgenommen.

Richtig ungemütlich wurde es am Abend des England-Spiels in Stuttgart. Ein englischer Fan war mir gegenüber sehr aggressiv, weil ich nicht für England aufgestanden bin als er das wollte. Dass ich keine Schlägerei mit ihm anfing, schien ihn noch wütender zu machen und so bespuckte er mich. Das war letztlich allerdings keine so gute Idee von ihm, denn am Ende war er der Fool von uns beiden. Ich hab mich dazu hier im Blog ausführlich ausgelassen.

PolizeiInsgesamt wurde ja sehr friedlich gefeiert. Leider hat es immer wieder auch Ausnahmen gegeben, wie bei SPIEGEL-Redakteur Sebastian Christ oder bei Frank Menke im ARD-Sportblog. Zu dem Gastbeitrag bei SoWhy hatte ich ja schon gebloggt. Als die Engländer hier in Stuttgart waren, gab es größere Auseinandersetzungen zwischen deutschen und englischen Fans. Es flogen Tische und Stühle und hunderte wurden festgenommen. Die Innenstadt wurde abgesperrt.

Ützel Brützel for GermanyZu dem ganzen Patriotismus werd ich wohl nochmal nen eigenen Eintrag verfassen. Hier nur so viel: Meiner ist sehr gering ausgeprägt. Ich hab mich insbesondere am Anfang wirklich kein Stück für die Spiele oder die Ergebnisse interessiert, auch nicht für die deutschen. Ich wusste meist nicht mal, wann Deutschland spielt und bin da immer wieder auf großes, großes Unverständnis gestoßen. Mit der Zeit hab ich dann hin und wieder doch auf den SPON-Live-Ticker geschielt oder sogar mal vorher geguckt, wer spielt, um zu wissen, welche Länder heute Abend in der Stadt zu erwarten sind.

Als letztens Deutschland gegen Argentinien gespielt hat, habe ich mal wieder nicht geguckt. Ich hörte aber nicht so eindeutig zuzuordnende Rufe. Mein Bauch sagte mir, dass Argentinien ein Tor geschossen hat. Irgendwie hatte ich dann das Bedürfnis das Radio anzumachen, um zu hören, ob das was kommt und prompt kam die Meldung Argentinien habe ein Tor geschossen. Irgendwie war ich da doch etwas neugierig. Etwas später habe ich das Haus verlassen. Ich ging über fast leere Straßen und versuchte zu erkennen, ob es eine gewisse Verbundenheit zwischen den jetzt rumlaufenden Menschen gibt, die alle das Spiel boykottieren. Schien mir nicht so. Kurze Zeit später, es war gerade keine Menschenseele zu sehen, lauter Jubel von allen Seiten. Tor für Deutschland. Irgendwie hab ich mich mitgefreut.
Police viewingAuf dem Weg zu meinem Termin, ein politisches Treffen in einer Kneipe direkt nach dem Spiel stand an, kam ich dann noch an einer Gruppe Polizisten vorbei, die mit ihren Motorrädern so standen, dass sie bei einer Kneipe die Leinwand sehen konnten. Kurz vor Ende des Spiels wollte ich da sein. Da das so lange ging, kam ich ja mehr oder weniger mittendrin. Bei den deutschen Elfmeter-Toren war ich dann wohl der Einzige im ganzen Raum, der nicht aufgesprungen ist. Ich saß da und hab gelächelt. Manchmal würde man sich ja gerne so richtig mitfreuen, so spontan aufspringen und so. Aber wie soll ich das erzwingen? Lässt mich halt relativ kalt.

Schaufenster viewingAm meisten gestört hat mich eigentlich, dass man mit den meisten Leuten außer Fußball gucken gar nichts mehr machen konnte. Und anfangs liefen ja immer Spiele und auch gleich mehrere. Als Deutschland gegen Italien gespielt hat, hab ich durch Zufall geguckt. Zwei Leute auf dem Campus auf ner Wiese getroffen, geredet und irgendwann dann schon mal rüber ins KI zum Spiel gucken. Bin dann irgendwie hängengeblieben. Aber dem Spiel konnte ich nicht wirklich was abgewinnen, obwohl ich gute Vorsätze hatte. Mit Toren hätte ich dann doch besser gefunden. Als die ganz am Ende fielen, hab ich das kaum mitbekommen. Direkt danach war ja auch das Spiel vorbei und alle sind aufgestanden und gegangen. Ein paar machten noch sauber. Ich dachte, man könnte ja nun trotzdem feiern, aber offenbar war ich mit dieser Meinung alleine.
Hätte es nicht danach noch ein Spiel gegeben, das Deutschland gewonnen hat (gegen Portugal), hätte man sich hier wohl gar nicht mehr über den dritten Platz gefreut. Am Anfang dominierten die Sprüche, dass es ja schon ganz nett wäre als Gastgeber das Achtelfinale zu erreichen und nun ärgert man sich über den dritten Platz?!

Spiel der GenerationenNie verstehen werde ich wohl die ganzen Denunzierungen gegenüber den anderen Ländern bzw. Mannschaften. „Ihr seid nur ein Pizzalieferant“ war ja harmlos, aber Buhrufe und Pfiffe, wenn jemand von der gegnerischen Mannschaft zum Elfmeter ansetzt, sind doch echt bescheuert und unsportlich.

Apropos unsportlich. Da ich gestern auf einem Geburtstag war, hab ich sogar das Finale gesehen. Das Spiel schien viele nicht so großartig zu interessieren, die meiste Zeit war eher angeregte Unterhaltung angesagt, aber was ich gesehen habe, enthielt eine Szene, die total daneben war. Zidane nietet einen Italiener mit einer Kopfattacke um. Nicht aus dem Affekt heraus, nein, erst überholen, anhalten, umdrehen und Attacke.

DeutschlandküsseNun ist die WM vorbei. Deutschland ist Dritter und fühlt sich als Weltmeister. Ich bin froh, dass es vorbei ist, denn am Ende ging es mir echt auf den Keks.
Auch die, die Fußball toll finden, müssten doch diese Fouls und Gewalttaten da abschrecken. Zidane war da ja nur ein Beispiel. Permanent wird am Trikot gezogen, ein Bein gestellt oder simuliert. Ist das Fußball? Soll das Fußball sein?

Mein kurzes Fazit nach dem langen Text: Fußball hat mich vorher nicht interessiert und es interessiert mich immer noch nicht. Die WM ist da keine Ausnahme. Ich bin wohl so tief in die Fußballwelt eingetaucht wie noch nie. Ich versteh das alles eher noch weniger. Aber feiern kann man ja auch so. Immerhin hat die WM nicht so stark genervt, wie ich erwartet hatte. Das kam erst in den letzten Tagen. Hing vielleicht auch damit zusammen, dass bei vielen die Laune im Keller war, nachdem Deutschland nur noch Dritter werden konnte.

Der Beitrag ist etwas unstrukturiert. Hab ihn an mehreren Tagen geschrieben, immer wieder ergänzt, hin und wieder umformuliert und am Ende bei dem langen Text nicht mehr wirklich Lust gehabt, alles nochmal intensiv zu überarbeiten. Muss ja auch mal veröffentlicht werden das Ding. Ein paar Fotos zur WM habe ich hier.

3 Responses to “Die WM und ich”

  1. Aber feiern kann man ja auch so.

    Warum Fußball?

    -Netzeffekte
    -kritische Masse
    -Lock-in

    (Woeckis USW ist zu dem Thema erständlicher als Englmanns I&W)

  2. Um mal die weltweite Mitleserschaft ;-) an der Konversation teilhaben zu lassen, verlinke ich doch erstmal Netzeffekte und kritische Masse, sowie den Lock-in-Effekt mit den entsprechenden Wikipedia-Seiten und kläre darüber auf, dass „Woecki“ und Englmann Profs an der Uni Stuttgart sind und Unternehmensstrategien im Wettbewerb bzw. Innovation und Wachstum lehren.
    Ich hab die Vorlesungen allerdings beide noch nicht gehört.

    Mit den Netzeffekten und der kritischen Masse hast du sicher recht. Interessant, was sich so alles wissenschaftlich belegen lässt. Aber der Lock-in-Effekt erschließt sich mir hier nicht. Man kann doch ohne Kosten einfach wieder aussteigen.

  3. Deshalb hab ich Woeckner verwiesen.

    Netzeffektstärke(1)*Nutzerzahl(1) – Netzeffektstärke(2)*Nutzerzahl(2)
    sind Deine Wechselkosten (nur in der Nutzenfunktion, keine monetären Kosten) bei rivalisierenden Gütern, wobei der limitierende Faktor hier die Zeit ist. Somit wird schon durch die bestehende Monopolstellung ein Lock-in erzeugt.

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